Kyrie-Gloria-Messe auf das Thema
“Es woll uns Gott genädig sein”

Besetzung: SATB, BC

Quelle: StaBi Berlin / Mus.ms. Bach P 5 / Fasz. 4
Werk nach Kast: JEBach 7

Es handelt sich dabei um ein Manuskript aus einem Sammelband der „Sammlung Poelchau“ mit Werken Johann Christoph und Johann Ernst Bachs.

In der Microfiche-Edition der Berliner Bach-Handschriften (Musikhandschriften der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Teil I: Die Bach-Sammlung, München: Saur, 1997-2000), finden Sie die Missa auf Fiches Ba B 004. Allerdings ist das Manuskript dort nicht vollständig erfasst – es fehlt die vorletzte Seite (49a).

Der Sammelband enthält drei achtstimmige Motetten von Johann Christoph Bach (1642-1703), die Messe Johann Ernst Bachs und die Abschrift eines Chorfuge aus J. E. Bachs Kantate „Das Vertrauen der Christen auf Gott“. Der Schreiber ist nicht bekannt.

Das Manuskript ist Teil einer gebundenen Sammlung im Querformat, 24 x 34,5 cm. Dort von Seite 37 bis 51 (15 Seiten), oben rechts auf den ungeraden Seiten paginiert.

Das Werk ist überschrieben: „Missa 28 Kyrie, über die Melodie Es woll uns Gott genädig seÿn J. E. Bach Capellmeister in Eisenach 1781“


Edition:

Aktueller “Zwischenstand” – diese Edition wird um ergänzende Werke anderer Komponisten zum selben musikalischen Thema erweitert.

J. E. Bach – Missa brevis


Dieses Werk ist eine – für die protestantische Kirchenmusik der damaligen Zeit sehr typische – „Kyrie-Gloria-Messe“  oder „lutherische Messe“ wie sie auch bei Johann Ernsts Cousin Johann Sebastian häufig vorkommt. Hierbei werden – im Gegensatz zur Vertonung des gesamten Ordinariums – lediglich das Kyrie und das Gloria vertont. Das melodische Material hierzu entnimmt Johann Ernst dem Choral „Es wolle uns Gott gnädig sein“ [1].

Gleich zu Beginn des Kyries treten die ersten vier Taktes des Chorals als Cantus firmus fugisch im Sopran  und Alt auf (die gesamte erste Choralphrase von Takt 1 bis 6 in verlängerten Noten im Sopran, Teile des ersten Motives in den Takten 2.2-4 im Alt). Danach findet es sich – in Teils stark verlängerten Noten – im Tenor, im Bass, im Sopran und erneut im Bass wieder.  Die zweite Phrase findet dann ab Takt 35 (Sopran 35.2-39) Verwendung.

Mit dem zweiten Choralteil eröffnet Bach dann das Gloria (die ersten vier Takte des Bass‘ 1.2-5.1  sowie die ersten vier Takte des Soprans 4.2-8).  Ab Takt 24 findet es sich in ganzen Noten im Alt. Die nächste Choralphrase eröffnet das „Laudamus te“.

Die Texte des Kyries und des Glorias verteilt Bach auf die Stimmen und schafft es so, die Messe auf eine „gottesdienstverträgliche“ Länge zu bringen.

Die Eröffnungszeile des Glorias komponierte Bach nicht aus („Gloria tacet“ wie es explizit in der Partitur heißt), hier erfolgt die Intonation typischerweise durch den Pastor.

Et in terra pax hominibus bonae voluntatis. // Laudamus te. Benedicimus tibi. Adoramus te. Glorificamus te. // Gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam. // Domine Deus, Rex coelestis, Deus Pater omnipotens. // Domine Deus unigenite Jesu Christe. Domine Deus, Agnus dei, Filius patris. // Qui tollis peccata mundi, suscipe deprecationem nostram. Qui sedes ad dexteram patris, miserere nostri.[3]  // Quoniam tu solus Sanctus. (Tu solus Dominus.) Tu solus Altissimus, Jesu Christe.// Cum Sancto Spiritu in gloria Dei Patris. Amen.


[1] Martin Luthers Text „Es wolle Gott uns gnädig sein“ basiert auf Psalm 67 erstmals veröffentlicht in „Geystliche Gesangk Buchleyn“ (herausgegeben von Johann Walter), Wittenberg, 1524. Die Melodie (in der Kirchentonart Phrygisch) findet sich zunächst in einem Magdeburger Druck aus dem Jahre 1524. Als möglicher Komponist kommt Matthias Greiter (1490-1552) in Frage. Allerdings findet sich die rhythmische Form die Johann Ernst Bach hier verwendet erstmals bei Johann Sebastian Bach. Dieser setzte diese Melodie in BWV 69/6 (mit anderem Text aber ebenfalls in h-Moll), in BWV 76/7 und BWV 311 (ebenfalls in h-Moll) und BWV 312. Die Melodie findet vielfältige Verwendung in der Kirchenmusik, so unter anderem bei Hans Leo Hassler, Samuel Scheidt, Johann Pachelbel und Georg Philipp Telemann.
[2] Abweichend zum Gloriatext des Graduale Romanums findet hier die korrekte grammatische Form „miserere nostri“ („miserere“ fordert den Genitiv  – „miserere nobis“ kommt allerdings typischerweise im Bibellatein vor) Verwendung.

Rezeption

Hermann Kretzschmar im Vorwort zu „Sammlung auserlesener Fabeln“ – Denkmäler Deutscher Tonkunst, Band XLII, Breitkopf und Härtel 1910:

Auch die Missa brevis, – jedenfalls eine von mehreren – verdient eine besondere Erwähnung. Sie ist die einzige[3] a cappella-Komposition, die wir von Ernst Bach besitzen und zeigt als solche den Komponisten abermals als Schüler Pachelbels. […] Sein durch Einfachheit und Stärke des Ausdrucks bedeutendster Abschnitt ist das „Qui tollis etc.“, das ganz homophon, langsam und feierlich vorüberzieht. Das Amen, das den Satz flott und feurig abschließt, wäre auch Bachs des Großen würdig

[3] Heute ist noch eine weitere bekannt  – die Motette „Aus der Tiefen“


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